Die Faszination des Grauens – das Spiel mit der Angst
Juli 1, 2008 at 8:48 | In Denkwürdiges | 3 CommentsTags: Faszination des Grauens
Mitunter beobachte ich in unserem Laden Leute, die ihre Freunde erschrecken wollen. Die Situation gestaltet sich zumeist so, daß jemand seiner Freundin (seltener seinem Freund), die eine Spinnenphobie hat, die Augen zuhält und sie direkt vor die Vogelspinnenterrarien dirigiert. Dann freut sich derjenige, wenn die Betreffende kreischend zurückspringt beim Anblick der Spinne. Weshalb macht man so etwas? Ich behaupte einmal, es ist das Spiel mit der Angst, das die Menschen hierzu anspornt – derselbe Gruseleffekt und die faszinierte Neugierde, die Menschen auch dazu bewegt, sich Splatter-und Horrorfilme reinzuziehen anstatt sich einen gemütlichen, lustigen Film anzusehen. Einerseits der Adrenalinkick, den die Angst auslöst, danach die erleichternde Entspannung, wenn man merkt, daß einem selbst ja nichts passieren kann – ein eigenartiges Grenzen-ausloten.
Zutiefst erschüttert hat mich heute aber unser Lehrling (15), als er in der Kaffeepause mir und dem Lehrmädchen (17) aus der anderen Abteilung ein Internet-Amateurvideo gezeigt hat, das ihm ein Kumpel auf sein Handy geschickt hatte – wer zart besaitet ist, möge an dieser Stelle bitte aufhören zu lesen…Das Video zeigte einige asiatisch aussehende Männer in einer Leichenhalle – überall lagen stark verweste Leichname auf Tischen herum. Dann machte sich einer der Männer daran mit einem Fleischermesser eine Leiche auszuweiden - nein, es handelte sich dabei nicht um das, uns durch Film und Fernsehen bekannte, Sezieren durch einen Pathologen oder Forensiker. Im Gegenteil – nach echter Fleischhauermanier schlitzte er den Leichnam auf und begann die Innereien herauszuweiden, warf sie auf einen Tisch, griff durch den Hals bis in den Schädel hinauf und entledigte diesen so von seinen Weichteilen…dann zog er die Gesichtshaut ab. Ich wandte mich schockiert ab – obwohl mich nichts so rasch aus den Latschen kippt, denn ich habe selbst Erfahrungen mit menschlichen Unfall-Leichen und bin es gewohnt selbst Fische zu sezieren, war mir dieses Video (das definitiv nicht nachgestellt war, sondern eine Originalaufnahme einer “Menschenmetzgerei”) viel zu starker Tobak. Ich sagte, ich wolle mir das nicht weiter reinziehen und ging weg. Daraufhin riefen mir die beiden Lehrlinge noch nach: “Schau, das mußt du gesehen haben – uaaah, ist das grauslig. Komm schau dir das an – unbedingt…” Ich bemerkte, wie fasziniert sie von diesem Grauen waren – sie waren regelrecht gebannt und schafften es nicht mehr, sich davon abzuwenden. Um ihr eigenes schlechtes Gewissen zu beschwichtigen, versuchten sie mich weiter in die Sache zu involvieren – quasi: je mehr Beteiligte mitmachen, desto weniger wiegt die persönliche Schande, daß man sich durch den Anblick des Grauens Unterhaltung verschafft. Ich finde dies äußerst erschreckend – so funktionieren letztlich auch jene Internetplattformen, auf denen Amateure schreckliche Unfallvideos, zufällig mitgefilmte Suizide, Aufnahmen aus der Gerichtsmedizin und von Mordschauplätzen, usw. zur Schau stellen und damit ziemlich hohe Besucherquoten erreichen.
Ein Zitat aus einem Artikel über Handyvideos, die speziell Jugendliche stark ansprechen:
Oftmals wird das Weiterversenden von pornographischen oder gewalttätigen Darstellungen über das Handy lediglich als „visualisierte“ Mutprobe angesehen. Doch die über 14jährigen können dabei Straftaten mit beträchtlichen strafrechtlichen Folgen begehen. Viele Jugendlichen haben nicht das notwendige Unrechtbewusstsein.
Oftmals werden auch so genannte „Snuff-Videos“ versendet (Erklärung: engl. „to snuff somebody“, auf Deutsch „jemanden auslöschen“; auf Videos wird aus kommerziellen Gründen ein Mord aufgezeichnet; bisher konnte offiziell noch kein Fall nachgewiesen werden. Derzeit ein Synonym für alle Filme, in denen Morde oder Hinrichtungen zu sehen sind.). In diesen Filmen sieht man Szenen, mit grausamen und sadistischen Gewalttaten mit der Absicht, diese Handlungen zu verherrlichen bzw. zu verharmlosen.
http://www.multiline-net.de/index.html?inhalt=13737
Hier ein ähnlicher Artikel: http://www.sign-project.de/10_4590.php
So, das war heute ein etwas längerer Exkurs…vom Zooladen hinaus in die Medienwelt. Über eure Kommentare würde ich mich freuen, auch, wenn dieses Thema eher wenig mit einem Aquaristikladen zu tun hat.
3 Kommentare »
RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag. TrackBack URI
Einen Kommentar schreiben
Bloggen Sie auf WordPress.com. | Theme: Pool by Borja Fernandez.
Entries and comments feeds.
Hmm ich kenn das Video ja nun nicht, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass das echt ist. Menschenmetzgerei? Was soll das sein?
Asiaten sind ja in vielerlei Hinsicht im europäischen Selbstverständnis komische Menschen, aber bitte… o.O
Kommentar von Matthias — Juli 2, 2008 #
Ansich spielt es wohl kaum eine Rolle, ob ein deratiges Video nun “echt” oder “unecht” ist. Soziologisch betrachtet ist das hoch interessant.
Gerhard Schulze nennt dieses Phänomen “Steigerungsspiel”, genauer, in diesem Zusammenhang “Inhaltssteigerung”, bezogen auf das, was in Medien, gleich welcher Art, mittlerweile zum Konsum angeboten wird. Alles folgt einem zentralen Zweck: Der Steigerung von Aufmerksamkeit. Es geht hier um Tabubrüche und Provokationen, die heute kaum mehr möglich sind, um die Intensivierung kulturell geprägter Reize, egal ob es Gewaltdarstellung oder sexuelle Inhalte geht. Das, was für Medienkonsumenten vielleicht vor 5, 10 oder 20 Jahren noch einen außerordentlichen Reiz darstellte, lockt heute keinen Hund mehr hinter dem Ofen vor.
Deshalb Steigerungsspiel: Die Grenze dessen, was noch gezeigt werden kann, wird immer weiter verschoben, bis womöglich keine Grenzen mehr existieren. Ein überschreiten der letzten Grenze, was auch immer das sein mag, bedeute auch den Zusammenbruch jeglicher Spannung. Das ist das grundsätzliche Problem, die Ausreizung. Wenn nahezu alle Grenzen ausgereizt sind, kommt eben so etwas, wie das beschriebene Gewaltvideo dabei heraus. Der interessierte Leser möge dazu vielleicht einmal die TV-Nachrichtensendungen von vor 20 Jahren und heute vergleichen.
Lesetipp für darüber hinaus interessierte Leser: Die beste aller Welten, wohin bewegt sich unsere Gesellschaft im 21. Jahrhundert. (Gerhard Schulze)
Viele Grüße,
Jens Kaufmann
Kommentar von Jens Kaufmann — Juli 2, 2008 #
Wer derart den Kick sucht, ist vielleicht zu viel getreten worden.
Leider gibt es schlimme Videos.
Da wird die Technik missbraucht, die Szenen, die Amerikaner im Irak aufgenommen haben, sind ja auch durch die Medien gegangen.
Es hat aber auch schon Kriegsberichterstattung gegeben, die aufklärend war.
Ich finde es gut, dass Du diese Szenen geschildert hast, wenn sie schon geschehen sind, besser sie irgendwie aufzuarbeiten.
Sorry, mehr fällt mir jetzt auch nicht ein – wsar hier ganz zufällig heriengeschneit von einem Forum über Blogs und WordPress.
Trotz allem wünsche ich weiterhin viel Spass beim Bloggen – dass das auch mal unangenehme Seiten aufzeigt, iost halt nicht zu vermeiden; Schönfärberei wäre ja auch verfehlt.
LG
Klaus-Peter
Kommentar von Klaus-Peter — Juli 12, 2008 #