Asphaltschafe
14. Juli 2009 at 21:22 | In Aus der weiten Welt, Nicht kategorisiert | 5 CommentsTags: Asphaltschafe, Hundefleisch, pensionierter Metzger
Quelle: kari smith/flickr.com
Ich treffe manchmal Menschen, welche wahrhaft eigentümliche Lebensgeschichten zu berichten haben, nicht nur in der Arbeit, sondern auch in meiner Freizeit – irgendwie ziehe ich schräge Vögel an. Gestern saß ich mit meinem Vater an seinem Stammtisch, wo sich regelmäßig mehrere ältere Männer zwischen 65 und 80 Jahren zum Schwatzen treffen. Dann und wann schwelgen sie in ihren Erinnerungen an ihre jungen Jahre und ich gehe mit ihnen auf eine Zeitreise.
Am Tisch saß unter anderem Willi, seines Zeichens Metzger in Rente und 76 Jahre alt. 46 Jahre lang war er im städtischen Schlachthof angestellt, später führte er dann noch einen Fiakerbetrieb (Kutschfahrten). Seit 56 Jahren hat er eine Freundin mit der er 3 Kinder hat, geheiratet hat er jedoch eine andere, welche sogar 4 Kinder von ihm hatte…ein paar weitere uneheliche Kinder kamen noch hinzu… Willi war ein wilder Hund, wie man bei uns zu sagen pflegt. Er versetzte in seinen Glanzzeiten sogar die Polizei in Angst und Schrecken, was diese aber nicht davon abhielt ihn mehrmals ins Gefängnis zu bringen, natürlich „immer unschuldig„, wie er schmunzelnd beteuert. Und weil der Willi soviele Mäuler zu stopfen hatte, war er immer recht erfinderisch, was lukrative Geldquellen betraf…so entledigte er beispielsweise gegen einen finanziellen Obulus hochversicherte Rennpferde, die auf der Rennbahn nicht genug Geld einbrachten. Und das lief dann so ab: Der Besitzer des jeweiligen Rennpferdes ließ dieses auf eine hohe Summer versichern und, wenn es bei den Rennen nicht regelmäßig gutes Geld einbrachte, dann schlug der Willi dem Tier einen Nagel in den Huf – der Nagelkopf wurde abgezwickt, sodaß man von außen nichts sah…Dann wurde das lahmende Tier dem Veterinär vorgeführt, der damals ja noch keinen HighTech-Röntgenapparat für so etwas hatte. Natürlich konnte dieser ein lahmendes Pferd nicht weiter zu Rennen zulassen und so mußte das Tier zum Abdecker, das heißt der Willi schlachtete das Tier und verwertete das Fleisch, die Überreste wanderten schnellstmöglich „in den Kanal„, damit die Versicherung nicht weiter nachforschen konnte.
Der Willi war, wie bereits erwähnt, ein wilder Hund. Ein altes Sprichwort besagt: „Man ist, was man ißt“ und der Willi aß gerne Hund, vor allem im Sommer, wenn die Schafe auf der Alm war…dann gab es seltsamerweise beim Willi immer noch frisches Schaffleisch. Hie und da besorgte er sich aus Tierheimen oder andernorts ganz besonders große und dicke Hunde, denn aus denen konnte er oft bis zu 20 Kilogramm Hundefett auslassen und Hundefett war früher sehr begehrt als Mittel gegen Lungenerkrankungen. So bekam der Willi damals nicht nur von den Zuhältern und Prostituierten, die oft aufgrund ihrer Lebensführung mit Lungenproblemen (Tuberkulose) zu kämpfen hatten ganz schön viel Geld für das Hundefett, sondern auch von der örtlichen Lungenklinik. Und das Fleisch der Hunde legte er dann in einer Lake ein und machte daraus Surfleisch, das er als „Schepsernes“ (Schaffleisch“) weitergab. Auch Speck machte er selbst und seine Kinder meinten, daß der Papa wohl den besten Speck weit und breit machen konnte. Seiner Frau und seinen Kindern gestand er jedoch niemals, woher das Fleisch stammte, doch seine Frau wurde irgendwann mißtrauisch und sprach ihn nach fast 30 Jahren einmal an, daß er ihr ja nie Hundefleisch bringen dürfe…war wohl zu spät…doch der Willi meint, das ist doch nicht weiter schlimm, denn alle seine Kinder sind immerhin groß und stark geworden. Früher gab es auch noch keine muslimischen Schlachter in der Stadt und die türkischen Nachbarn kamen also zum Willi um sich ihr „geschächtetes Schaf“ zu holen…nach einiger Zeit wurden auch sie mißtrauisch: „Du gehen mit Hund in Stall und Hund nie mehr herauskommen.“ Also bestellten sie Schaf „mit Kopf und Füßen„, was der Willi ja nicht parat hatte, daher erläuterte er ihnen: „Weißt du, das sind Asphaltschafe, die kommen aus Neuseeland und die haben das nicht mehr dran, weil sie ja immer auf Asphalt laufen.“ Und um alle Zweifel aus der Welt zu schaffen, biß er herzhaft in das dargebotene Fleisch hinein, denn er selbst würde ja „niemals“ Hundefleisch essen…
Daß der Willi, der wilde Hund, früher in den 70er Jahren sogar zu Pferd ins Puff hinein geritten kam, sein Pferd auch ungeniert in Gasthäusern drinnen abstellte, wenn keine Anbindemöglichkeit vor dem Eingang war, das möchte man heutzutage gar nicht glauben, wenn man ihn so sieht. Dieser alte Mann, der sich aus lauter Schmerzen kaum noch vom Stuhl erheben oder gar nach einem Geldschein am Boden bücken kann, war ein richtiger Draufgänger und sicher der Einzige, der jemals nackt zu Pferde durch die Hauptstrasse unserer Stadt geritten ist, als er eine Wette verloren hatte. Heute ist er alt und, als einer aus der Tischrunde ihn auf seine Freundin anspricht, antwortet er verklärt mit sich zusammenrunzelnden Lachfältchen: „Ich mag sie einfach gerne. Wir sind 56 Jahre beisammen. Und auch, wenn der Sex nicht mehr geht, haben wir es gut…“meiner“ hängt inzwischen halt in der Hose wie ein Maikäfer zu Weihnachten, aber das macht nichts.“
5 Kommentare »
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Entries and comments feeds.
Ach ja… alt werden ist schön, alt sein jedoch nicht :/
Kommentar von Matthias — 15. Juli 2009 #
Wahre Geschichten aus dem Leben alter Leute sind meist die besten.
Aber Hundefleisch ihhh !
Kommentar von Daniel — 16. Juli 2009 #
Ja, ja
auch wüde Hund kommen mal in die Jahre. Aber es ist schön, so ein bewegtes Leben gehabt zu haben, obwohl nackert auf einem Pferd, das stell ich mir -besonders für Männer- etwas unbequem vor
lg.
miezetina
Kommentar von tina — 16. Juli 2009 #
Gruslige Geschichte. Aber nicht weit von uns (20 Minuten mit dem Auto) ist auch heute noch Hundeschmalz zu haben, wenn man die „richtigen“ Leute kennt. Katzen und Hunde sind in ein paar Familien noch immer feter Bestandteil der einheimischen Küche. Zwar in einem vergleichsweise winzigen Dorf, aber immerhin …
Viele Grüße
Bernd
Kommentar von Bernd Kaufmann — 17. Juli 2009 #
Na ja, woanders ist es normal.
In Südamerika isst man Meerschweinchen und hierzulande halten Leute auch ihre Kuschelhäschen, die ich selbst bspw. sehr lecker finde.
Kommentar von Matthias — 20. Juli 2009 #