Hybriden – Red Parrot und Perlcichlide

9. Dezember 2009 at 22:11 | In Grundsätzliches, Paradigmen der Aquaristik | Leave a Comment
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 Quelle: Joachim S. Müller, flickr.com

Einer meiner Kunden hat mich heute mit interessanten Videos aus seinem Aquarium beglückt. Er hatte bei uns vor geraumer Zeit ein Pärchen Papageienbuntbarsche erworben und etwas später noch einen einzelnen männlichen Perlicichliden (Herichthys cyanoguttatus). Nun hat sein Perlcichlide dem Papageienbuntbarschmännchen das Weib ausgespannt und mit diesem abgelaicht. Sehr spannend finde ich nun die Tatsache, daß das Gelege befruchtet war und unser Kunde nun Hunderte von Jungfischen des ungleichen Paares absaugen und in ein Aufzuchtbecken verfrachten konnte.

Von Papageienbuntbarschen, die selbst ja auch zu den Hybridzüchtungen gehören, ist bekannt, daß die Männchen dieser „Art“ fast immer unfruchtbar sind, die Weibchen zumeist jedoch fertil sind. Insofern können diese „Red Parrots“ auch nur durch Kreuzung bestimmter Arten entstehen - üblicherweise werden dafür Arten wie Amphilophus labiatus, Heros severus, Vieja synspila und der Zitronenbuntbarsch Amphilophus citrinellus herangezogen.

Bislang wußte ich nicht, daß es möglich ist, daß sich ein männlicher Perlcichlide mit einem Papageienbarschweibchen verpaaren und tatsächlich Junge zeugen kann. Was mich am Video meines Kunden am meisten beeindruckte war, daß die beiden Elterntiere sich auch beide ganz intensiv der Brutpflege widmeten – ich finde, daß die als Qualzuchten bezeichneten Parrotcichliden vielleicht doch ein wenig unterschätzt werden, was ihre „Lebenstüchtigkeit“ anbelangt. Nun bin ich weiter gespannt, ob es gelingt einige der Jungtiere bis zum Erwachsenenalter heranzuziehen und ihre Entwicklung weiter zu verfolgen. Ich könnte mir schon vorstellen, daß bei diesen Tieren beide Geschlechter fertil sein könnten.

Viele Gegner von Hybridzüchtungen werden sich jetzt dasselbe fragen wie einige amerikanische Autoren: Who needs another Hybrid?  Nein, brauchen werden wir sie nicht unbedingt, dennoch finde ich es bemerkenswert, welche Launen der Natur uns in unseren Aquarien begegnen…und, wenn wir das Aquarium als Modell für ein abgegrenztes Ökosystem in der Natur hernehmen, so würde ich meinen, daß auch in freier Wildbahn durch solche Hybriden Einfluß auf die Evolution bestimmter Arten entsteht. Wenn in einem natürlichen Gewässer etwa Kreuzungen verschiedener Arten entstehen, so ist das entweder als Sackgasse zu bewerten (z.B. bei Infertilität) oder aber auch als Evolutionsmotor, der eine oder sogar mehrere Arten positiv verändern mag.

Ich denke, wir dürfen bei Hybriden nicht zu strenge Maßstäbe ansetzen, obwohl die Aquaristik insgesamt in Europa diesen Tieren gegenüber eher negativ gegenübersteht – es steht uns nicht zu eine Bewertung zu treffen, ob ein Lebewesen eine Daseinsberechtigung hat oder nicht. Schon alleine, daß es überhaupt entstanden ist, sehe ich als Wunderwerk der Natur. Allerdings müssen wir – besonders im Rahmen der Aquaristik – behutsam mit Hybriden umgehen. Wir sollten sie nicht auswildern, denn damit würden wir unter Umständen ein Ökosystem und die innewohnenden Arten negativ beeinträchtigen…und wir dürfen diese Tiere nicht unter falschen Bezeichnungen unters interessierte Aquarianervolk bringen, denn das wäre mutwillige Täuschung.

 Quelle: Human after all?/ flickr.com

Heilige Kühe der Aquaristik – Altumskalare und Diskusfische

9. November 2009 at 21:29 | In Grundsätzliches, Netzrundschau, Paradigmen der Aquaristik | 5 Comments
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Im zierfischforum.at gehen derzeit vor allem im Flohmarkt die Wogen hoch, da ein eidgenössischer Privatzüchter Altumskalare im F3-Generation feilbietet, wobei auf seiner verlinkten Homepage diesselben Bilder Verwendung finden wie bei den Inseraten eines hessischen Züchterkollegen. Das Wirrwarr ist perfekt, da nun niemand mehr den Überblick hat, wer nun Urheber der Bilder ist und wer nicht, wem man nun noch vertrauen kann und wer unter Umständen ein unseriöses Geschäft betreibt. Parallel dazu wird im Forumscafe fleißig über den Altumskalar diskutiert. Ich bin ja nun keine wirkliche Kennerin dieses Fisches, jedoch frage ich mich schon, ob er nicht langsam dem Diskus den Rang der heiligen Kuh abringt.

Es gibt einige Fischarten, um die in der Aquaristikszene meines Erachtens nach einfach zu viel Wirbel betrieben wird. Ein jeder möchte diese Fische, beispielsweise Altumskalare, seltene Diskusvarietäten oder seit einigen Jahren auch seltenere L-Welse, besitzen und sammeln. Nicht wenige Aquarianer, die von dieser Leidenschaft besessen sind, erinnern irgendwann an jene Freaks, welche allwöchentlich Flohmärkte minutiös nach dem einen bestimmten Überaschungsei absuchen um ihre Sammlung zu komplettieren. In vielen Aquarien solcher Sammler erfahren die begehrten Fische schließlich dasselbe Schicksal wie die Überraschungen aus den Schokoeiern…sie verstauben, weil es nur ganz wenigen gelingt ihnen geeignete Bedingungen zur Nachzucht zu bieten.

Ehrlich gesagt: das ist eine hauptsächlich westliche Eigenart, daß die Sammelleidenschaft leider oft in einer Sackgasse endet…naja, irgendwo steigert ja Seltenheit schließlich auch den Wert und so tröstet man sich bei ausbleibendem Nachwuchs, den man teuer verkaufen hätte können, eben mit dem Gedanken: na gut, zumindest selten ist er und bleibt mir dadurch eben auch wertvoll. Lustigerweise kenne ich dieses Phänomen ja auch nur bei langlebigeren Fischarten..was hätte es schon für einen Sinn hunderte von Euros  in ein riskantes Sammel- und Nachzuchtunterfangen mit einem „Saisonfisch“ zu stecken. Irgendwie lob ich mir da die Asiaten – selbst wenn sie so verrückt sind hundertausend Dollar in einen schönen Koi zu investieren, so muß man ihnen zugute halten, daß es ja auch die Asiaten sind, welche die Aquaristik immer wieder mit sensationellen und innovativen Zuchterfolgen beglücken. Wo kämen denn sonst auch die vielen zigtausenden an Prachtschmerlen her, die in Europa noch kaum einmal jemand nachzüchten konnte? Übrigens: wußtet ihr, daß Pterophyllum altum, der Altum-Skalar, eine der 46 in Malaysien nachgezogenen Skalarvariationen darstellt? Und nebst den Indonesiern verstehen sich auch die Thai vorzüglich aufs Nachzüchten dieser heiligen Kühe:

Daß wir Europäer aber dafür einen Sinn für sehr hübsche Aquariengestaltung haben, zeigt dieses Video eines tschechischen Altumzüchters:

Ausfallsquoten bei Zierfischimporten

29. August 2009 at 18:51 | In Denkwürdiges, Grundsätzliches, Paradigmen der Aquaristik | 2 Comments

 Quelle: Nemo´s great uncle/ flickr.com

Ich habe ja schon einmal das Thema „Mitschuld-Teilschuld-Unschuld„  aufgegriffen um einen Blick auf die Massenware Zierfisch und die kommerziellen Aspekte der Aquaristik zu werfen. Wer ist nun wirklich beteiligt daran, daß Zierfische in Massen gezüchtet oder wild gefangen werden um sie zu leistbaren Preisen an den Kunden zu bringen ohne Rücksicht auf Verluste in punkto Fischgesundheit und Tierschutz?

Greenpeace schreibt, daß laut den Berichten  Washingtoner World-Watch-Institutes jährlich etwa 500-700 Millionen Fische dem Meer entrissen werden, wovon viele bereits durch die Fangmethoden (Cyanid), als auch durch den Transport versterben. Klaus Lüdke, Berlins Tierschutzbeauftragter, fordert übrigens ein Importverbot von Zierfischen, da er davon ausgeht, daß 90% aller Zierfische am Transport verenden würden. Auch Pro wildlife und die Akademie für Tierschutz  schreiben von 50-70% Verlusten (voneinander abgeschrieben ;-) ). Ist es wirklich so, daß die Transporte so hohe Ausfälle verursachen? Das sind natürlich horrende Zahlen, was jedoch ist die Realität?

Der VDA (Verband deutscher Vereine für Aquarien- und Terrarienkunde eV) hat dazu recherchiert und einen interessanten Artikel dazu herausgegeben. Axel Ploeg zitiert darin eine Untersuchung von Olivier (2001), in der von Ausfallsquoten von etwa 25-40%  in verschiedenen Stufen der  Transportkette die Rede ist, was angeblich zu einer Gesamtsterberate von 73% führen soll. Ploeg hält diese Quote für absolut unwahrscheinlich und bezieht sich unter anderem auf folgende Schweizer Studie von Christine Weber (2001):

Christine Weber hat für das Bundesamt für Veterinärwesen der Schweiz einen Artikel über „Die Einfuhr von Zierfischen in die Schweiz“ geschrieben, nachdem sie die Importe von Aquarienfischen untersuchte. Dabei fand sie heraus, daß bei den Süßwasserfischen circa 62% als Nachzuchten deklariert waren, etwa 26% als Wildfänge ausgewiesen waren und bei circa 12% der Fische die Herkunft unbekannt war. Bei den Salzwasserfischen sah die Verteilung wieder anders aus – bei etwa 61% galt die Herkunft als unklar, fast 32% waren als Wildfänge deklariert und nicht einmal 7%  entstammten einer Nachzucht.

Interessant ist auch, daß fast die Hälfte aller importierten Fische Salmler sind, wobei der Rote Neon wiederum mehr als die Hälfte dieser Sparte ausmacht. Was die Herkunft des Roten Neons anlangt, so wird er mit fast 80% als Wildfang ausgewiesen, etwa 13% entstammten unbekannten Quellen und lediglich 7% wurden aus Zuchtanlagen entnommen. Der rote Neon gilt somit als der meistimportierte Süßwasserfisch.

Frau Weber eruierte übrigens auch den Zustand von 10 Fischsendungen, wobei knapp 6 als „in gutem Zustand“ bewertet wurden, 3 Sendungen enthielten Fische in gutem, als auch in schlechtem Zustand und in einer Sendung befanden sich die Tiere in sehr schlechtem Zustand. Interessant auch die Ausfallsraten der Transporte: bei den Salzwasserfischen ergab die Ausfallsquote auf dem Transport etwa 6,25%, bei den Süßwasserfischen lediglich 1,56%. Als einer der Hauptgründe für Verluste sind sicherlich Verspätungen im Warenverkehr (z.B. Flugzeugverspätungen,…) zu werten, eine weitere Ursache kann in einigen Fällen zu hohe Packdichte sein und besonders bei den empfindlichen Salzwasserfischen können Probleme bei der Temperierung für Verluste sorgen. Nach der Ankunft der Tiere verstarben noch weitere ca. 3% innerhalb der ersten fünf Tage. Wie man erkennen kann, so hält sich die Ausfallsrate beim Transport, d.h. vom Exporteur zum Importeur, einigermassen in Grenzen. Die Importeure der genannten Untersuchung konstatierten: Kein Geschäft könne sich über längere Zeit halten, wären die Verluste in den Lieferungen derartig groß. (S. 22)

Axel Ploeg verweist im oben erwähnten VDA-Artikel durch verschiedene Quellen (Weber 2001, Vinke 1999, Verhoff 2003, Chao 2003) auf Gesamtraten an Transportverlusten, die von 0,15 bis 0,47% reichen. Auch Harry Hyronimus greift das Thema „Fakten zur Sterblichkeit von Fischen vom Fang bis zum Aquarianer“  in aufschlußreicher Art und Weise auf . Ich denke, daß die Ausfallsraten bei Zierfischen – ich möchte mich hierzu aber auf Süßwasseraquaristik eingrenzen – am Transport wirklich verhältnismäßig gering sind und, daß alles jenseits einstelliger Prozentzahlen ins Reich der Urban Legends zu verweisen ist. Ich vermute, daß die höchsten Zahlen einerseits vor dem Transport beim bzw. kurz nach dem Fang, sowie bei der Hälterung im Zoogeschäft zu suchen sind, allerdings weit übertroffen von der Mortalitätsrate beim Endkunden. Tatsache ist: im häuslichen Aquarium dürfte die Rate an frühzeitigen/unnatürlichen Todesfällen bei weitem am höchsten sein. Was die Ausfälle in Zoogeschäften betrifft, so hatte ich dazu ja schon einmal im vergangenen Jahr gebloggt – wenn aquaristisch geschultes Personal in der Betreuung der Aquarien beteiligt ist, so halten sich nämlich auch hier Sterbefälle in Grenzen. Allerdings muß ich den Endkunden, also den Aquarianer, ein wenig in Schutz nehmen – es ist zwar so, daß viele Krankheits- und Todesfälle durch eigene Unwissenheit und Fehler verursacht werden, allerdings ist auch zu beachten, daß er sie nach all den Strapazen durch Fang, Transport und Zwischenhälterung dann aber auch am längsten herumschwimmen hat. Und so sterben Fische nicht immer nur vor Ablauf ihres erreichbaren Lebensalters – viele erreichen diese hohe Lebenserwartung überhaupt erst beim Endkunden im sicheren Aquarium ohne Feinddruck…welcher Neonsalmler würde in der Natur denn überhaupt 8 oder 10 Jahre alt?

Paradigmen der Aquaristik Teil IV – Arterhaltung vs. Hochzucht

22. Juni 2009 at 14:14 | In Paradigmen der Aquaristik | 4 Comments
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 Quelle: susanne.laicsak/ flickr.com

Das aktuelle Aquaristik Fachmagazin (Nr. 207) titelt mit dem Thema Arterhaltungszucht und wirft dabei Fragen über Pro und Contra dieser Form von Zuchtbestrebungen auf. Besonders der Artikel von Dr. Hans-Joachim Herrmann legt einen sehr kritischen Blick auf die Thematik, denn er vergleicht Arterhaltungszucht in vielen Fällen mit der Denkmalpflege. Es ist ja so, daß viele jener Arten, die in der Natur vom Aussterben bedroht sind, in der Arterhaltungszucht ganz besondere Aufmerksamkeit bekommen – viele von ihnen stammen aus sehr eng begrenzten Verbreitungsräumen, bei manchen existieren die ursprünglichen Biotope gar nicht mehr. Wenn wir uns nun der Erhaltung einer solchen aussterbenden Spezies widmen, muß man sich mit zwei ganz essentiellen Gesichtspunkten auseinander setzen:

- Selbst in der Arterhaltung wird selektive Auslese betrieben. Im Aquarium herrschen nicht jene Bedingungen, die in freier Natur evolutionslenkend sind, wie z.B. natürliche Feinde, natürliche Futtergegebenheiten, andere ökologische Einflußfaktoren (z.B. Klima, Überschwemmungen, Trockenzeiten,…). Da nur eine begrenzte Menge an Inividuen in Gefangenschaft vorhanden ist, besteht ein eingeschränkter Genpool als Zuchtgrundlage – das wiederum bringt Züchter mitunter dazu auch Geschwistertiere zu verpaaren oder auf andere Inzuchtmethoden zurückzugreifen. Als Extrembeispiel möchte ich hier z.B. auf den allseits bekannten L-46 (Hypancistrus zebra, siehe Foto) zu verweisen, von dem immer häufiger mopsköpfige Tiere in den Handel und in die Hobbyzucht gelangen – in diesem Fall trifft Arterhaltung auf Kommerz, denn diese seltenen Tiere werden zu ungeheuren Summen gehandelt.

- Die natürlichen Biotope sind oftmals verschwunden, was dazu führt, daß der fromme Wunsch einer Wiederauswilderung von Individuen nur in einer Faunenverfälschung anderer für die Art geeigneter Biotope enden kann. Bekanntes Beispiel für ein solches vom Verschwinden betroffenes Biotop wäre der Rio Xingu, an dem durch die Bestrebungen des brasilianischen Präsidenten Lula da Silva der drittgrößte Staudamm der Welt entstehen soll. Das hätte natürlich auch große Auswirkungen auf die Fauna und Flora, sowie für die indigenen Bewohner dieser Region. Für die Aquaristik natürlich ein Tiefschlag, da einige aquaristisch interessante Harnischwelse nur dort vorkommen - bisher akzeptierten viele Aquarianer ja noch, daß Brasilien den Export bedrohter L-Welse verboten hat um sie vor Ausrottung durch Überfischung zu retten; daß man sie jedoch nun offenbar selbst ohne schlechtes Gewissen ausrottet, ist für viele Aquarianer schwer nachvollziehbar.

An und für sich finde ich Arterhaltung gut, man muß sich nur bewußt sein, daß man als Vertreter dieser Zuchtbestrebungen auch gewissermassen ein Nostalgiker ist (Zitat H.-J. Herrmann 2009). In der Aquaristik beschäftigen sich verschiedene Gemeinschaften mit Arterhaltungszucht, so etwa auch die Arbeitsgruppe L-Welse der IG BSSW (Internationale Gemeinschaft für Barben, Salmler, Schmerlen und Welse), die zur Zeit gerade eine Bestandserhebung in der Aquaristikszene duchführt.

Der Arterhaltung, die ja auf Erhaltung eines physiologischen Status Quo einer Art wie im natürlichen Habitat abzielt, gegenüber steht die Hochzucht.

 Quelle: hui_rou/ flickr.com

Hochzucht wird bei vielen Fischarten betrieben, so etwa Kampffische, Goldfische, Cichliden und Lebengebärende uvm. Ihre Ursprünge liegen viele Jahrhunderte zurück im alten China und waren wohl die treibende Kraft der Aquaristik, die wir heute kennen und die Millionen von Anhängern weltweit findet. Hochzucht arbeitet nach gewissen Standards, die von verschiedenen Züchtergemeinschaften aufgesetzt werden. Diese Standards sind im übrigen weltweit nicht immer einheitlich, was wiederum Rückschlüsse auf unterschiedliche Standpunkte in punkto moralischer Aspekte und Ästhetik in den unterschiedlichen Ländern zuläßt. Als Beispiel möchte ich auf die Zuchtstandards der Bristol Aquarists´Society verweisen, deren Standard für schwarze Teleskopaugengoldfische (Black Moor) einen hochrückigen Körperbau mit schmetterlingsartiger Schwanzflosse vorsieht, während der fernöstliche Standard (Black Demekin) einen noch kompakteren Rumpf und eine kürzere Schwanzbeflossung vorgibt. Bereits bei der Goldfisch-Hochzucht gibt es viele Beispiele für die regionalen Unterschiede in den Zuchtbestrebungen, das setzt sich aber noch in weiteren Bereichen fort und weckt bei Kritikern den Vorwurf der Qualzucht. Vieles wird als Qualzucht bezeichnet, manchmal auch etwas zu voreilig, weil eine bestimmte Zuchtform dem persönlichen Geschmack und eigenen moralische Prinzipien widerspricht. Ziel der Hochzucht ist es sehr wohl gesunde und lebensfähige Individuen, sowie neue Formen hervorzubringen, die wiederum viele Menschen ansprechen und begeistern. Daß es dabei sehr wohl unrühmliche Ausreißer gibt, ist bekannt und wird von vielen Tierschützern auch stark bekämpft.

Was aber macht eine Zuchtvarietät zur Qualzucht? Laut österreichischem Gesetz sind als Qualzuchten zu bezeichnen: Züchtungen, „die für das Tier oder dessen Nachkommen mit starken Schmerzen, Leiden, Schäden oder mit schwerer Angst verbunden sind“. Diese dürfen dann auch nicht gezüchtet, importiert, erworben oder ausgestellt werden. Eine ganze Liste an Symptomen geht zudem mit diesem Anspruch einher… Nach dem deutschen Gesetz heißt es in punkto Qualzucht: „bei Wirbeltieren die durch Zucht geförderten oder die geduldeten Merkmalsausprägungen (Form-, Farb-, Leistungs- und Verhaltensmerkmale) zu Minderleistungen bezüglich Selbstaufbau, Selbsterhaltung und Fortpflanzung führen und sich in züchtungsbedingten morphologischen und/oder physiologischen Veränderungen oder Verhaltensstörungen äußern, die mit Schmerzen, Leiden oder Schäden verbunden sind“. http://de.wikipedia.org/wiki/Qualzucht  Auch in Deutschland gibt es eine durch Gutachten erstellte Merkmalsliste, die Qualzuchten umreißen soll. In der Aquaristik sind es vor allem der VDA bzw. der BNA (Bundesverband für naturgerechten Arten- und Naturschutz e.V.), die sich gegen Qualzuchten bei Fischen einsetzen. Sowohl Harry Hyronimus, als auch Wolfgang Staeck haben versucht konkrete Kriterien für Qualzuchten auszuformulieren, welche wiederum von vielen Hochzuchtliebhabern als zu streng und teilweise nicht wissenschaftlich fundiert eingeschätzt werden.

Wo stehe ich persönlich? Wohl irgendwo dazwischen. Ich muß gestehen, daß es sehr viele Zuchtformen gibt, die mich durchaus begeistern, für manchen jedoch jenseits des guten Geschmackes liegen. Generell kann ich also der Hochzucht durchaus positives abgewinnen, denn sie bringt unglaubliche Formen und Farben hervor – vielfach kann dadurch der Entnahme von farbenprächtigen Wildformen aus freier Natur ein bißchen entgegengesteuert werden. Auf der anderen Seite kann ich durchaus der Arterhaltung von seltenen Fischarten etwas abgewinnen, vor allem wenn mit ihr Bestrebungen zum Erhalt der Biotope einhergehen – allerdings läuft, wie ich finde, auch in diesem Bereich einiges schief: durch immense Rekordsummen für seltene und schwierig nachzuziehende Fische, werden oft die Grenzen zur kommerziellen Ausbeutung einer Art überschritten und die Qualität der Zuchtergebnisse leidet dadurch (vgl. das Beispiel mit den L-46). Wo stehen Sie, liebe Leser?

Paradigmen der Aquaristik III – Mulm oder nicht-Mulm

25. Januar 2009 at 22:13 | In Paradigmen der Aquaristik | 9 Comments
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 Quelle: la-la-laine/flickr.com

Es geht stets ein Raunen durch die heiligen Hallen so mancher Fischforen, wenn jemand einem anderen zur Entfernung des Aquarienmulmes rät. Mulm wird von vielen sogar extra kultiviert, gehegt und gepflegt, weil ihm soviel vermeintlich Positives nachgesagt wird. Und so spaltet sich die Gesamtheit der Aquarianer in zwei Fronten – die einen entfernen jeglichen Dreckkrümel sofort und die anderen zelebrieren quasi Woodstock in ihren Aquarien. Was ist nun aber Mulm konkret?

Im Grunde setzt sich Mulm großteils aus sich zersetzenden Kotresten, oftmals sogar noch Futterresten, sowie toten Pflanzenteilen in unterschiedlichen Zerfallstadien zusammen. Manche sagen ihm eine wichtige Stabilisierungsfunktion für das Aquarium nach, weil in ihm jede Menge an Destruenten (Mikroorganismen, die organ. Stoffe abbauen und zersetzen) leben. Einige schwören sogar darauf, daß er ganz essentiell zur Nitrifikation und Denitrifikation im Aquarium beiträgt…das dürfte jedoch ein Märchen sein. Denn wenn man beachtet, daß die nitrifizierenden und denitrifizierenden Bakterien (Nitrosomas, Nitrobacter) zu den aeroben Bakterien zählen und, daß im Mulm jedoch durch die Vielzahl an sauerstoffzehrenden Organismen ein recht anaerobes Milieu vorherrscht, so ist es ein Trugschluß zu denken, daß Mulm wesentlich zur (De-)Nitrifizierung beiträgt. Am besten gedeihen Nitrosomas und Nitrobacter an wasserdurchströmten, sauerstoffreichen Stellen – man braucht nur daran zu denken, wie rasch sie absterben, wenn einmal der Filter still steht und kein sauerstoffreiches Wasser mehr durch das Filtermaterial gespült wird. Hingegen ist von vielen (fakultativ) pathogenen Bakterien bekannt, daß sie sich gerne im Mulm aufhalten, so etwa Mycobakterien, die Auslöser der gefürchteten Fischtuberkulose.

Ein Fischveterinär sagte einmal zu mir, er sei selbst sehr penibel in Sachen Aquarienhygiene und stehe jeder Mulmansammlung im Aquarium skeptisch gegenüber. Um mir das noch etwas bildhafter zu erklären, meinte er: „Weißt du – Fische schwimmen ohnehin schon in ihren Ausscheidungen. In einem sehr mulmigen Becken schlackert ihnen der Mulm jedoch richtiggehend um die Kiemen…wenn man dann womöglich mit der Filterreinigung auch noch nachlässig ist, dann stelle ich mir das so vor, daß der Mulm und Kot dann im Filter immer noch kleiner püriert wird und, wenn er das nicht mehr aufnehmen kann, dann spült er den feinstpürierten Kot dann erst recht ins Becken und in die empfindlichen Fischkiemen.“ Pfui-deibel…daraufhin habe ich freilich sofort meinen Filter geputzt…ja, ich weiß, das war ein sehr tendenziöser Aufsatz. Wie denkt ihr darüber – pro oder contra Mulmfraktion?

Paradigmen der Aquaristik Teil II – Altwasser vs. Frischwasser

18. Januar 2009 at 20:33 | In Paradigmen der Aquaristik | 1 Comment
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Würden Sie Ihr Aquarienwasser trinken?

 Quelle: ´Johanna/ flickr.com

Eines der heißesten Eisen in der Aquaristik ist die Wasserwechselfrequenz. In den verschiedenen Aquaristikforen wird immer wieder heiß diskutiert, wieviel und wie oft man Wasser tauschen sollte.

Einige Aquarianer sind einfach nur nachlässig mit dem Wasserwechseln ohne sich bewußt für ein Altwasseraquarium entschieden zu haben – manchmal geht das gut, in anderen Fällen kippt jedoch das gesamte System. Ich persönlich wechsle übrigens etwa alle 14 Tage gut 50-60% des Wassers in meinen Aquarien – das hat sich für meinen Bedarf als recht praktikabel erwiesen. Ich würde mich nicht als Frischwasserfreak bezeichnen- in der Praxis wäre ich auch zu faul dafür – aber wenn ich schon einmal den Schlauch raushole, dann rentiert es sich einfach nicht wegen popeligen 20 oder 30%, wie ich finde. Es gibt jedoch wahre Frischwasserfreaks, die versuchen im Aquarium zumindest ein bißchen den Wasseraustausch zu simulieren, den fließende Gewässer haben – dabei wird wöchentlich zumindest die Hälfte, wenn nicht gar mehr an Wasser gewechselt. Auf der Aquamax-Seite findet man Tipps, wie man derart große Wasserwechsel richtig durchführt ohne, daß es zu gefährlichen Schwankungen der Wasserbedingungen und dadurch zu Negativfolgen für die Fische kommt.

Ich habe ja immer die grauslige Vorstellung der vielen Keime, die sich im Aquarienwasser ansammeln können – bis zu 10.000 Keime je ml sollen es oftmals sein. Daher ekelt es mich manchmal, wenn mir jemand im Laden erzählt, er wechsle nur alle 2 Monate etwas Wasser im Aquarium. Dabei gibt es sogar Leute, die niemals Wasser wechseln, sondern ganz bewußt ein Altwasseraquarium betreiben – dabei wird nur verdunstetes Wasser nachgefüllt. Während es übrigens keine dezitierten Frischwasserforen gibt, gibt es  jedoch ein Altwasser-Forum - und liest man sich dort etwas ein, so stellt man fest, daß Altwaseraquaristik ebenso wie ein richtig durchgeführter „hochprozentiger“ Wasserwechsel gewissen Regeln unterliegt, damit es funktionieren kann…Wie mir scheint, so muß man als Altwasseraquarianer sehr viel Wissen über die chemischen Abläufe in einem Aquarium haben, außerdem ist neben einem sehr sparsamen Besatz offenbar auch das regelmäßige Testen verschiedener Wasserparameter von entscheidender Wichtigkeit. Was ich mich jedoch frage: ein offenes Aquarium verdunstet ja wesentlich mehr Wasser als ein abgedecktes Becken – insofern wird doch in offenen Becken wesentlich mehr Wasser nachgefüllt und der Übergang zur Wasserwechsel-Aquaristik ist dann eigentlich dann fließend.

Ich habe einmal aus lauter Nachlässigkeit mein 25 Liter Schnecken- und Garnelenbecken als „Altwasseraquarium“ betrieben – ich war schlichtweg zu bequem dort öfter Wasser zu tauschen – Mein Fazit: ich wechsle nun wieder regelmäßig Wasser, nachdem die Schnecken alle mit zersetzten Gehäusen herumschneckten und ein Trupp frischgeborener Lebendgebärender sich dort extrem schlecht entwickelte.

Paradigmen der Aquaristik Teil I – Techniklose Aquarien

14. Januar 2009 at 19:31 | In Paradigmen der Aquaristik | 2 Comments
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             Quelle: ookami dou/ flickr.com

In den Anfängen der europäischen Aquaristik gab es keine Möglichkeit Aquarien mit technischen Hilfsmitteln wie Heizstäben, strombetriebenen Filtern oder anderen Gerätschaften auszustatten. Man betrieb die Aquarien daher lange Zeit weitgehend techniklos. Bei sehr wärmebedürftigen Arten griffen unsere aquaristischen Vorväter gelegentlich auf Petroleumlampen zur Beheizung zurück. Erste Umwälzungs- und Belüftungsmaßnahmen wurden durch springbrunnenartige Konstruktionen getätigt. Mit der Verbreitung des elektrischen Stromes kam auch der Wunsch auf, die aquaristischen Bestrebungen durch praktikable Apparaturen zu erleichtern, und so wurden ab der Mitte des 20. Jahrhunderts immer mehr technische Konstruktionen erdacht und entwickelt.

Die Weiterentwicklung der Aquaristik während der letzten einhundert Jahre ist vor allem auf das Verständnis zurückzuführen, dass ein Aquarium in der Regel ohne entsprechende technische und chemische Unterstützung keinen Lebensraum für Fische und Pflanzen bieten kann. Der Schwerpunkt der technischen Weiterentwicklung lag dabei vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ausschlaggebend war neben einem zunehmenden Wissen über die biologischen und chemischen Vorgänge in einem Aquarium die Verfügbarkeit von Materialien für den Bau immer ausgefeilterer Aquarienfilter, verbesserter Beleuchtungssysteme und kleinerer Pumpen sowie eine ausreichende Kaufkraft eines genügend großen Anteils der Bevölkerung, der bereit war, in dieses Hobby zu investieren und solche Produkte nachzufragen. (wikipedia.com)

Techniklose Aquarien sind heutzutage weitgehend aus der Mode gekommen, vor allem als die bis vor wenigen Jahren recht populäre Goldfischkugel zurecht immer verpöhnter wurde. Die Mehrheit aller Aquarianer schwört auf die Vorteile ausgereifter Aquarientechnik und könnte sich die hilfreichen Filter, Heizstäbe und Beleuchtungskörper gar nicht mehr wegdenken. Dennoch gibt es immer wieder Einzelne, die es wagen, wieder ein technikloses Aquarium zu betreiben. Besonders im Bereich der immer beliebter werdenden Wirbellosen-Kleinbecken bekommt diese Aquarienvariante wieder Anhängerzulauf. Daß aber auch größere Becken bei sparsamem Besatz absolut techniklos zu betreiben sind, zeigen die Berichte auf Peter Pan´s Blick in die Welt.

Alte Hasen der Aquaristik- Urväter des Nanobeckenbooms

15. Dezember 2008 at 21:56 | In Grundsätzliches, Paradigmen der Aquaristik | 8 Comments
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Quelle: gizmo2002/flickr.com

Es ist wirklich interessant, wenn man Diskussionen über Mindestbeckengrößen in diversen Aquaristikforen mitverfolgt. Meistens wird von der Mehrzahl aller Diskussionsteilnehmer Fischhaltung in sehr kleinen Becken strikt abgelehnt, man pocht auf Mindestbeckengrößen und Haltungsempfehlungen aus Fachliteratur und Internetquellen. Der Ancistrus im 60Liter-Aquarium ist ebenso ein Unding wie der Skalar im 120-Liter-Becken oder die Haibarbe in 300 Litern, ja selbst der Guppy im 40 Liter-Becken oder der Molly im 54er-Set gelten bei Hardlinern als Tierquälerei oder zumindest sehr grenzwertig in Sachen artgemäßer Haltung.

Umso spannender finde ich es dann immer, wenn man einmal im Allerheiligsten eines „alten Aquaristikhasen“ zu Besuch ist, sprich: im Hobbyraum eines langjährigen Aquarianers und Hobbyfischzüchters. Ich hatte ja nun schon mehrmals das Privileg bei eingefleischten Fischhaltern mit teilweise jahrzehntelanger Praxis einen Besuch abstatten zu dürfen um mir ihre Anlagen anzusehen. Was mich erstaunte: selten gab es dort so richtig große Becken. Im Gegenteil: es wimmelte von kleinen Aufzuchtbecken und Experimentierbehältern jeglicher Art. Mitunter durfte ich dort zu meiner Faszination feststellen, daß selbst die Zucht von Mosaikfadenfischen im 54 Litern oder die Haltung von Ancistren in 40 Litern offenbar komplikationslos verläuft – Kümmerwuchs schien eigenartigerweise ebenfalls kein Thema zu sein. Auch die Zucht von Killifischen in kleinen Eisboxen und luftheberbefilterten 6-Liter-Becken stellen kein Problem dar. Fragt man einen dieser Aquaristikprofis schließlich, ob die kleinen Behälter denn keine Schwierigkeiten bei der Haltung und Aufzucht bereiten, dann hört man nicht selten: „Nein, du siehst doch – es funktioniert und das auch bei Arten, die sonst nicht als besonders einfach nachzuzüchten sind. Vielleicht sogar gerade deswegen?“

Das führt mich nun weiter zu der Frage: Wieso wettern denn dann soviele gegen Fischhaltung in Nanobecken wenn es doch offensichtlich auch in Kleinstbecken mit der Fischhaltung funktioniert? Meine persönliche Erklärung ist: weil man offenbar sehr viel Gespür und Erfahrung in der Aquarisik braucht um ein so kleines System stabil halten zu können. Das nächste ist natürlich, daß man solche kleinen Becken primär als Artenbecken führen sollte, da es sonst vermutlich auch zu großen sozialen Stress für die Bewohner gibt. Desweiteren ist sicherlich auch ein großes Hintergrundwissen über Wasserchemie und Beckenstrukturierung gefragt, damit so ein System reibungslos läuft. Mein persönliches Fazit ist daher, daß ich weiterhin meinen Kunden eine Haltung von Fischen erst ab 30 Litern empfehlen werde, wobei ich ihnen auch die Empfehlung gebe, daß sie nur sehr kleinwüchsige Arten einsetzen sollten und selbst davon nur maximal 2 Arten pro Becken. Wie denkt ihr über das Thema? Wie seht ihr das Dilemma, daß manche „alte Hasen“ zweifellos zu große Fische in zu kleinen Anlagen unterbringen? Und wie steht ihr der Fischhaltung in Nanobecken gegenüber? Und meine wichtigste Frage: wie ernst nehmt ihr selbst Mindestbeckengrößen und Haltungsempfehlungen?

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