Paradigmen der Aquaristik Teil IV – Arterhaltung vs. Hochzucht

22. Juni 2009 at 14:14 | In Paradigmen der Aquaristik | 4 Comments
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 Quelle: susanne.laicsak/ flickr.com

Das aktuelle Aquaristik Fachmagazin (Nr. 207) titelt mit dem Thema Arterhaltungszucht und wirft dabei Fragen über Pro und Contra dieser Form von Zuchtbestrebungen auf. Besonders der Artikel von Dr. Hans-Joachim Herrmann legt einen sehr kritischen Blick auf die Thematik, denn er vergleicht Arterhaltungszucht in vielen Fällen mit der Denkmalpflege. Es ist ja so, daß viele jener Arten, die in der Natur vom Aussterben bedroht sind, in der Arterhaltungszucht ganz besondere Aufmerksamkeit bekommen – viele von ihnen stammen aus sehr eng begrenzten Verbreitungsräumen, bei manchen existieren die ursprünglichen Biotope gar nicht mehr. Wenn wir uns nun der Erhaltung einer solchen aussterbenden Spezies widmen, muß man sich mit zwei ganz essentiellen Gesichtspunkten auseinander setzen:

- Selbst in der Arterhaltung wird selektive Auslese betrieben. Im Aquarium herrschen nicht jene Bedingungen, die in freier Natur evolutionslenkend sind, wie z.B. natürliche Feinde, natürliche Futtergegebenheiten, andere ökologische Einflußfaktoren (z.B. Klima, Überschwemmungen, Trockenzeiten,…). Da nur eine begrenzte Menge an Inividuen in Gefangenschaft vorhanden ist, besteht ein eingeschränkter Genpool als Zuchtgrundlage – das wiederum bringt Züchter mitunter dazu auch Geschwistertiere zu verpaaren oder auf andere Inzuchtmethoden zurückzugreifen. Als Extrembeispiel möchte ich hier z.B. auf den allseits bekannten L-46 (Hypancistrus zebra, siehe Foto) zu verweisen, von dem immer häufiger mopsköpfige Tiere in den Handel und in die Hobbyzucht gelangen – in diesem Fall trifft Arterhaltung auf Kommerz, denn diese seltenen Tiere werden zu ungeheuren Summen gehandelt.

- Die natürlichen Biotope sind oftmals verschwunden, was dazu führt, daß der fromme Wunsch einer Wiederauswilderung von Individuen nur in einer Faunenverfälschung anderer für die Art geeigneter Biotope enden kann. Bekanntes Beispiel für ein solches vom Verschwinden betroffenes Biotop wäre der Rio Xingu, an dem durch die Bestrebungen des brasilianischen Präsidenten Lula da Silva der drittgrößte Staudamm der Welt entstehen soll. Das hätte natürlich auch große Auswirkungen auf die Fauna und Flora, sowie für die indigenen Bewohner dieser Region. Für die Aquaristik natürlich ein Tiefschlag, da einige aquaristisch interessante Harnischwelse nur dort vorkommen - bisher akzeptierten viele Aquarianer ja noch, daß Brasilien den Export bedrohter L-Welse verboten hat um sie vor Ausrottung durch Überfischung zu retten; daß man sie jedoch nun offenbar selbst ohne schlechtes Gewissen ausrottet, ist für viele Aquarianer schwer nachvollziehbar.

An und für sich finde ich Arterhaltung gut, man muß sich nur bewußt sein, daß man als Vertreter dieser Zuchtbestrebungen auch gewissermassen ein Nostalgiker ist (Zitat H.-J. Herrmann 2009). In der Aquaristik beschäftigen sich verschiedene Gemeinschaften mit Arterhaltungszucht, so etwa auch die Arbeitsgruppe L-Welse der IG BSSW (Internationale Gemeinschaft für Barben, Salmler, Schmerlen und Welse), die zur Zeit gerade eine Bestandserhebung in der Aquaristikszene duchführt.

Der Arterhaltung, die ja auf Erhaltung eines physiologischen Status Quo einer Art wie im natürlichen Habitat abzielt, gegenüber steht die Hochzucht.

 Quelle: hui_rou/ flickr.com

Hochzucht wird bei vielen Fischarten betrieben, so etwa Kampffische, Goldfische, Cichliden und Lebengebärende uvm. Ihre Ursprünge liegen viele Jahrhunderte zurück im alten China und waren wohl die treibende Kraft der Aquaristik, die wir heute kennen und die Millionen von Anhängern weltweit findet. Hochzucht arbeitet nach gewissen Standards, die von verschiedenen Züchtergemeinschaften aufgesetzt werden. Diese Standards sind im übrigen weltweit nicht immer einheitlich, was wiederum Rückschlüsse auf unterschiedliche Standpunkte in punkto moralischer Aspekte und Ästhetik in den unterschiedlichen Ländern zuläßt. Als Beispiel möchte ich auf die Zuchtstandards der Bristol Aquarists´Society verweisen, deren Standard für schwarze Teleskopaugengoldfische (Black Moor) einen hochrückigen Körperbau mit schmetterlingsartiger Schwanzflosse vorsieht, während der fernöstliche Standard (Black Demekin) einen noch kompakteren Rumpf und eine kürzere Schwanzbeflossung vorgibt. Bereits bei der Goldfisch-Hochzucht gibt es viele Beispiele für die regionalen Unterschiede in den Zuchtbestrebungen, das setzt sich aber noch in weiteren Bereichen fort und weckt bei Kritikern den Vorwurf der Qualzucht. Vieles wird als Qualzucht bezeichnet, manchmal auch etwas zu voreilig, weil eine bestimmte Zuchtform dem persönlichen Geschmack und eigenen moralische Prinzipien widerspricht. Ziel der Hochzucht ist es sehr wohl gesunde und lebensfähige Individuen, sowie neue Formen hervorzubringen, die wiederum viele Menschen ansprechen und begeistern. Daß es dabei sehr wohl unrühmliche Ausreißer gibt, ist bekannt und wird von vielen Tierschützern auch stark bekämpft.

Was aber macht eine Zuchtvarietät zur Qualzucht? Laut österreichischem Gesetz sind als Qualzuchten zu bezeichnen: Züchtungen, „die für das Tier oder dessen Nachkommen mit starken Schmerzen, Leiden, Schäden oder mit schwerer Angst verbunden sind“. Diese dürfen dann auch nicht gezüchtet, importiert, erworben oder ausgestellt werden. Eine ganze Liste an Symptomen geht zudem mit diesem Anspruch einher… Nach dem deutschen Gesetz heißt es in punkto Qualzucht: „bei Wirbeltieren die durch Zucht geförderten oder die geduldeten Merkmalsausprägungen (Form-, Farb-, Leistungs- und Verhaltensmerkmale) zu Minderleistungen bezüglich Selbstaufbau, Selbsterhaltung und Fortpflanzung führen und sich in züchtungsbedingten morphologischen und/oder physiologischen Veränderungen oder Verhaltensstörungen äußern, die mit Schmerzen, Leiden oder Schäden verbunden sind“. http://de.wikipedia.org/wiki/Qualzucht  Auch in Deutschland gibt es eine durch Gutachten erstellte Merkmalsliste, die Qualzuchten umreißen soll. In der Aquaristik sind es vor allem der VDA bzw. der BNA (Bundesverband für naturgerechten Arten- und Naturschutz e.V.), die sich gegen Qualzuchten bei Fischen einsetzen. Sowohl Harry Hyronimus, als auch Wolfgang Staeck haben versucht konkrete Kriterien für Qualzuchten auszuformulieren, welche wiederum von vielen Hochzuchtliebhabern als zu streng und teilweise nicht wissenschaftlich fundiert eingeschätzt werden.

Wo stehe ich persönlich? Wohl irgendwo dazwischen. Ich muß gestehen, daß es sehr viele Zuchtformen gibt, die mich durchaus begeistern, für manchen jedoch jenseits des guten Geschmackes liegen. Generell kann ich also der Hochzucht durchaus positives abgewinnen, denn sie bringt unglaubliche Formen und Farben hervor – vielfach kann dadurch der Entnahme von farbenprächtigen Wildformen aus freier Natur ein bißchen entgegengesteuert werden. Auf der anderen Seite kann ich durchaus der Arterhaltung von seltenen Fischarten etwas abgewinnen, vor allem wenn mit ihr Bestrebungen zum Erhalt der Biotope einhergehen – allerdings läuft, wie ich finde, auch in diesem Bereich einiges schief: durch immense Rekordsummen für seltene und schwierig nachzuziehende Fische, werden oft die Grenzen zur kommerziellen Ausbeutung einer Art überschritten und die Qualität der Zuchtergebnisse leidet dadurch (vgl. das Beispiel mit den L-46). Wo stehen Sie, liebe Leser?

Papageienbuntbarsche

30. April 2008 at 19:42 | In Denkwürdiges | Leave a Comment
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Unlängst übernahmen wir von einem Kunden Papageienbuntbarsche (Red Parrot) zur vorübergehenden Pflege – die Tiere zogen in einem großen Malawibecken ein und setzten sich auch bei der Fütterung gut durch. Das inspirierte meinen Chef auch einige für unser Angebot zu bestellen – ich persönlich bin da sehr zwiegespalten. Einerseits sind diese Fische für einen Liebhaber sehr nette Pfleglinge und erweisen sich als sehr robust im Aquarium, andrerseits wird diese Fischhybridzüchtung als Qualzucht stark diskutiert. Wolfgang Staeck hatte dazu einmal einen Artikel geschrieben: http://www.aquaterralev.de/fachbeitraege/aquaristik/qualzuchtenstaeck/

Ich finde zwar nicht, daß ihr Verhaltensrepertoire im Vergleich zu anderen Cichliden stark eingeschränkt ist, aber ich pflichte den Kritikern auch bei, wenn sie sagen, daß es ethisch nicht korrekt ist, einen Fisch zu züchten, der so starke Reproduktionsprobleme hat und, bei dem seitens der Züchter (zumeist in Asien) immer extremere Körperformen angestrebt werden. Staeck schreibt dazu:

Schließlich gibt es eindeutige Anzeichen dafür, daß der Papageienbuntbarsch unter rezessiven Letalfaktoren leidet (Stratton 2000; Hanneman 2000). Zwar ist es möglich, die Fische zur Laichabgabe zu bringen, wiederholte Zuchtversuche ergaben aber immer wieder, daß aus den Eiern allenfalls nur ganz wenige Larven schlüpfen, die dann nur wenige Tage überleben. Die Vermehrung des Papageienbuntbarsches mit einem reinerbigen Paar dieser Zuchtform ist daher nicht möglich, sondern sie gelingt nur mit mischerbigen Individuen, die aus einer Rückkreuzung mit einem normalen Partner hervorgehen.

Ein weiterer sehr gut recherchierter Artikel zum Thema von Peter Buchhauser: http://www.buchhauser-peter.de/berichte/qualzuchten.html

Da auch die bei uns im Laden vorrätigen Genspender der Red Parrots, nämlich die Amphilophus Citrinellus (Zitronenbuntbarsche), regelrechte Ladenhüter sind (sie gelten ja als sehr aggressiv), denke ich, daß auch die Papageienbuntbarsche kein wirklicher Verkaufsschlager sein werden. Inzwischen eilt ihnen ja ihr Ruf als Qualzuchten voraus, außerdem werden sie sehr groß und sie sind schon aus diesem Grunde eher schlecht verkäuflich. Große Fische finden allgemein eher wenige Liebhaber – schon seit Monaten warten bei uns im Geschäft einige Pfauenaugenbuntbarsche und andere Riesen, die wir aus privater Hand übernommen haben, auf einen neuen Besitzer mit einem großen Aquarium.

Vor einiger Zeit brachte uns jemand zwei Ranchu-Hochzuchtgoldfische in den Laden – ich glaube, es dauerte 4 oder 5 Monate bis wir die beiden verkaufen konnten. Wenn sich da nicht jemand dazu ein neues Aquarium leistet, ist das für uns nicht wirklich rentabel, denn die Tiere beschlagnahmen über Monate (oder länger) ein Verkaufsbecken und gefüttert werden müssen sie ja auch. Ich denke, unsere Kunden haben im allgemeinen einen eher bodenständigeren Geschmack, viele pflegen außerdem Gesellschaftsbecken, in die sich solche Sonderlinge oft nur mäßig integrieren lassen. Naja, mal sehen, wie sich die Sache mit den Papageienbuntbarschen weiter entwickelt.

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